Telefonsex im Auto
admin am 30. Dezember 2009 um 23:33Vor ihm zieht sich eine Schlange zähfließenden Verkehrs mit vereinzeltem Stillstand durch die Innenstadt. Im Rückspiegel beobachtet er eine aschblonde Frau, die ebenfalls in ihren Rückspiegel schaut. Sie zieht sich die Lippen nach, presst sie einmal fest aufeinander und lächelt ihr Abbild zufrieden an. Eine schöne Frau, denkt der Mann und fingert die letzte Lucky Strike aus dem Päckchen, als das Firmen-Handy über den blechernen Lautsprecher der Freisprechanlage klingelt. “Walter”, sagt er.
“Guten Tag, bin ich da verbunden mit Herrn Walter vom Schlüsseldienst Hanstein?” antwortet eine Frau. Ihre Stimme ist gespielt samtig und tief, wie die Stimme einer dieser kinderlosen Hausfrauen um die vierzig, die Handwerkern gerne das Gefühl vermitteln, sie wären unglaublich sexy in ihren aufgeräumten Vorstadthäusern mit den dicken Eichenportalen, die immer “aus Versehen” hinter ihnen ins Schloss fallen.
“Sie haben auf unserer Internetsite an einem Preisausschreiben teilgenommen. live-cam.nl, Sie wissen schon. Und nun haben Sie gewonnen. Eine viertel Stunde Telefonsex.” “Eine was?” fragt der Mann. Und er spürt automatisch seinen Schwanz, was ihm unangenehm ist, weil er nichts zu tun haben möchte mit Männern, die sich auf Internetseiten mit dem Thema Sexcam Online herumtummeln. Und er ist schon gar nicht einer von denen, die Telefonsex machen. Da wüsste er nicht mal, was er sagen sollte.
“Das muss eine Verwechslung sein.” “Aber sie sind doch Herr Walter von der Firma Hanstein. Und hier steht angekreuzt, sie bevorzugen Blondinen mit großer Oberweite. Also, hier bin ich,” sagt die Frauenstimme, die erst beim letzten Satz ihrer kleinen Ansprache wieder zum künstlichen Samt-Tonfall zurückfindet. “Dann hat sich wohl irgendjemand einen Scherz mit mir erlaubt”, antwortet der Mann, der sich immer noch bemühen muss, seinen Schwanz nicht zu spüren.
“Wie auch immer, Sie haben das Recht, jetzt mit mir, einer, wenn ich das so sagen darf, extrem vollbusigen Blondine, Telefonsex zu machen. Leider läuft auch schon die Zeit.” “Woher soll ich denn wissen, dass sie blond und vollbusig sind, ich meine das kann ja jeder sagen…”
“Darling”, unterbricht ihn die Frau mitleidig. “Ich sehe, du kennst dich nicht aus, mit Sex am Telefon. Es geht nicht darum, etwas ganz genau zu wissen, sondern darum, sich etwas vorzustellen. Sex entsteht im Kopf, OK? Aber wenn ich dich beruhigen darf, ich bin wirklich blond. Und ich habe einen großen Busen, dessen Brustwarzen dich direkt anschauen würden, wenn du hier vor mir stündest.”
Der Verkehr ist inzwischen ganz zum Erliegen gekommen und der Mann blickt abermals in den Rückspiegel. Doch die Lippenstiftfrau hat so weit hinter ihm gehalten, dass er ihr Gesicht nicht mehr genau erkennen kann. Sie scheint zu sprechen, aber er weiß nicht mit wem, denn der Beifahrersitz ist frei. Wahrscheinlich hat sie ein Kind hinten im Wagen, denkt er enttäuscht. Der Mann hat keine Kinder und auch keine Frau. “Hören Sie, es tut mir leid, aber ich mache so etwas nicht. Ich meine, vielleicht habe ich ja nicht genug Phantasie, aber…” “Dann stell dir doch einfach jemanden vor. Vielleicht jemanden in deiner Nähe. Wo bist du, Walter?” “Ich heiße nicht Walter. Ich meine, ich heiße Walter mit Nachnamen. Hans Walter.” “Also, Hans, wo bist du?” “Im Stau. Ich bin in der Kölner Innenstadt im Stau.” “Na also, das ist doch wunderbar. Schau dich einmal um. Gibt es niemanden, der deine Phantasie anregt. Vor dir, neben dir, hinter dir…?”
Automatisch schaut der Mann wieder in seinen Rückspiegel und er stellt sich vor, wie er die Lippenstiftfrau küssen würde. Ihre roten Lippen mit dem pudrigen Geruch. Er muss sich auch vorstellen, dass er danach rote Farbe im Gesicht hat und irgendwie verletzt aussieht und beschmiert. Aber auch hungrig und gierig. “Ich lege jetzt auf, das ist mir zu blöd”, sagt der Mann und er spürt immer noch seinen Schwanz, der inzwischen so fest ist, dass er gegen den Stoff seiner Jeans drückt. “Möchtest du denn gar nicht wissen, wo ich bin?” fragt die Frau. “Nein.”
“Und wenn ich dir sagen würde, dass ich im Wagen hinter dir bin. Was würdest du dann sagen?” Der Mann überlegt einen Moment. “Dass meine Phantasie auch dafür nicht ausreicht, das würde ich sagen.”
“Hör zu”, antwortet die Frau. Und ihre Stimme ist plötzlich ganz normal. “Du fährst einen Firmenwagen mit der Aufschrift Schlüsseldienst Hanstein. Schnell, diskret, zuverlässig. Stimmt’s? Darunter steht eine Handynummer und der Satz: Immer für Sie im Einsatz.” Der Mann wäre am liebsten ausgestiegen und hätte sich vergewissert. Aber in dem Moment löst sich der Stau auf und er gibt Gas. Er blickt in den Rückspiegel und sieht, wie die Lippenstiftfrau auf die linke Spur zieht.
“Ich überhole dich jetzt”, sagt die Telefonstimme. “Du kannst mir nachfahren, wenn du willst. Ich kenne ein schönes Haus in der Vorstadt. Die Besitzer sind nicht da. Wenn du es aufkriegst, plündern wir die Tiefkühltruhe.” Im gleichen Moment springt die Ampel auf gelb. Ihr Golf zieht vorbei. Der Mann tritt kurz aufs Gas und bremst dann. In der Ferne verliert sich ihr Wagen im Strom der anderen Autos.